Blegny

 

20. November 2011: Busexkursion des Fördervereins nach Aachen und zum Besucherbergwerk Blegny bei Lüttich
Zusammenstellung: Tilo Cramm.

Die meist äußerst geringen Förderzahlen der belgischen Zechen im Vergleich zu den deutschen Bergwerken lassen die besonders schwierigen geologischen Voraussetzungen vor allem in den Südrevieren erkennen. In Belgien blieben mehrere historisch interessante Schachtförder- und Tagesanlagen erhalten, in denen Bergbaumuseen eingerichtet wurden, z. B. Grand Hornu (Borinage), Bois de Luc (Centre), Bois du Cazier / Charleroi), Beeringen (Kempener Land) und Argenteau-Trembleur in Blegny (Lüttich).

An der Maas bei Lüttich sind eindrucksvolle Tagesanlagen der am 31.10.1977 geschlossenen Zeche Hasard in Cheratte und ein Betonturm des Wetterschachtes Hognée erhalten, erstere leider ohne Besuchsmöglichkeit. Beide Anlagen stehen unter Denkmalschutz, Hasard verfällt langsam, der Schacht Hognée wurde restauriert.

Bergwerk Argenteau-Trembleur in Blegny

In Blegny soll der Bergbau bereits im 16. Jahrhundert von Mönchen begonnen worden sein; die erste Verleihung erfolgte 1779. Als letztes Bergwerk des Lütticher Reviers wurde am 31.03.1980 die Anthrazitkohlenzeche Argenteau-Trembleur stillgelegt. Sie förderte zuletzt aus 760 m Teufe täglich rd. 1.500 t. Sofort nach der Stilllegung – daher vom Vandalismus nicht betroffen – entstanden in den erhalten gebliebenen Tagesanlagen einschließlich der Aufbereitung ein sehenswertes Bergbaumuseum und unter Tage eine Besuchergrube.

Die Besucherzeche betreibt zwei Schächte, den Förderturm mit Koepeförderung Schacht 1 noch bis zur Teufe von 60 m und den 1816 eingerichteten Schacht 2, Marie, der heute ältesten Schachtförderanlage Belgiens mit dampfbetriebener Bobine. Sie hob von 1816 bis 1887 und wegen der Kriegsschäden am Schacht 1 von 1942 bis 1948 Kohlen zu Tage.

 

Die Entstehung der belgischen Steinkohlenflöze

Die belgischen Steinkohlenflöze sind wie die bei Ibbenbüren / Osnabrück, im Ruhr- und Aachener Revier sowie die in Nordfrankreich und England aufgeschlossenen in der Karbonzeit vor rd. 300 Mio. Jahren zusammenhängend entstanden. Gebirgsbildende Kräfte veränderten die ursprünglich söhlige Ablagerung. Sie schufen Sättel, Mulden, Überschiebungen, Verwürfe, Horste und Gräben. Diese tektonischen Gegebenheiten und politische Grenzen unterteilten das Gesamtvorkommen in die heutigen Kohlenreviere.

Im Süden Belgiens treten die älteren, häufig zu Anthrazit umgewandelten, dünnen, steil gestellten und häufig gestörten Flöze zu Tage. Sie ziehen sich von Aachen über die Maas- und Sambreniederung bis Nordfrankreich und zur Grafschaft Kent in England hin. Die südlichen belgischen Reviere von Osten nach Westen heißen Lüttich, Namur, Charleroi, Centre und Borinage.

Nördlich dieses langgestreckten Vorkommens kommen die jüngeren, überwiegend flach gelagerten und von nachkarbonischen Ablagerungen überdeckten Flöze vor, die im niederländischen Limburg und im belgischen Kempener Land abgebaut wurden. Hier trennt der Horst von Brabant (mit Brüssel und Umgebung) das nördliche Kempener Revier von den südlichen Kohlenrevieren. Durch Hebung dieser Scholle wurde das flözführende Karbon bereits abgetragen.

Die Geschichte des belgischen Steinkohlenbergbaus

Bereits die Römer sollen bei Lüttich Steinkohlen gewonnen haben (Bergstein in: Industriekultur 4/2003). Erste gesicherte Nachrichten über Steinkohlenbergbau auf dem Kontinent jedoch stammen aus der Gegend von Lüttich von 1198 (Huske). Interessant sind Vermerke in Dortmunder Ratsprotokollen von 1721 bis 1731, in denen angeworbene belgische Bergleute beim Schacht- und wohl auch im Stollenbau Neuerungen einführten, aber nach Problemen, u. a. mit den Stadtoberen, wieder verschwanden (Mämpel I).

Im 18. Jahrhundert kamen die ersten Dampfmaschinen zum Einsatz, die wie anschließend in Deutschland den eigentlichen Tiefbau ermöglichten. Ab 1857 ersetzten die ersten Stahlfördergerüste die Holzgerüste. Flache oder runde Stahlseile verdrängten die bisherigen Hanfseile. Eine Besonderheit in Belgien war der weit verbreitete Einsatz von Flachseilen auf Bobinen. Zum Anfang des 20. Jahrhunderts erreichten in der Borinage zwei Schächte Teufen von mehr als 1.000 m.

Der steigende Kohlenabsatz begünstigte auch in Belgien den Ausbau des Eisenbahnnetzes und der Wasserstraßen. Hierbei entstanden zum Beispiel am neu angelegten Canal du Midi die heute zum Weltkulturerbe gehörenden vier Schiffshebewerke bei La Louviere.

Seit 1917 bekamen die südlichen Reviere Konkurrenz durch modernere Zechen im Kempener Land. Da wegen der gestörten Lagerungsverhältnisse, der vielen kleinen Zechen und verschiedenen Besitzer Zusammenlegungen und Rationalisierungen kaum möglich waren, schlossen im Süden Belgiens viele Zechen bereits in den 1920er und 1930er Jahren. In der Zeit der großen Kohlennot nach 1945 förderte der Staat den Kohlenbergbau massiv, was Modernisierungen und Höchstförderungen zu Folge hatte.

Die verstärkte Einfuhr und Verwendung von Erdöl seit 1957 und von niederländischem Erdgas seit 1967 ließ jedoch den Absatz der Kohlen wie in Deutschland stark einbrechen. Während der niederländische Bergbau schon 1974, der Bergbau im wallonischen Süden Belgiens endgültig 1984 (Centre 1971, Borinage 1976, Lüttich 1980, Namur und Charleroi 1984) stillgelegt wurde, arbeiteten die Zechen im flämischen Kempener Land bis 1991 weiter. Zum Vergleich: 1997 schloss Sophia Jacoba, das letzte Bergwerk des Aachener Reviers.